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Artikel erschienen in der Züri-Rundschau vom 27. November 2009


Der Atem ist das Lebenselixier unseres Daseins

Träger des Lebendigen


Solange wir leben, atmen wir. Solange wir atmen, leben wir. Atmen, das ist das erste Lebenszeichen eines Neugeborenen. Atemstillstand ist ein Anzeichen des Todes.

Der Atem ist Träger des Lebendigen, ist rhythmische Schwingung und formende Kraft. Eine natürliche gesunde Atmung unterstützt Bewegung, Haltung, Tonus, Organtätigkeit, Kreislauf und Stimme. Umgekehrt wirken diese auch auf die Atmung. Durch dieses Wechselspiel wird der Atem zur inneren Kraft, die verbindend, gestaltend und formend auf den Körper und somit auf den ganzen Menschen einwirkt. Das Atemgeschehen wird sowohl vom vegetativen Nervensystem als auch von der seelischgeistigen Befindlichkeit beeinflusst. Dadurch ist die Atmung störungsanfällig. Ungünstige Verhaltens und Bewegungsmuster können zu Atemfehlformen führen. Die Atem spielt in der körperlichen und emotionalen Wahrnehmung des Menschen eine zentrale Rolle. Wenn er für den eigenen Körper, dessen Abläufe und Reaktionen sensibilisiert ist und diese auch annehmen kann, ist er weniger anfällig für Abhängigkeiten; selbst wenn ihm etwas zustossen sollte, das ihm die leibliche Souveränität nimmt, wird er sich selbstständig fühlen. Durch die Reflexion seiner eigenen Bedürfnisse und der Eigenverantwortung kann er Hilfe von Abhängigkeit unterscheiden und abgrenzen.

Die Atemtherapie


Die Atemtherapie nimmt Einfluss auf den rhythmischen Verlauf des Atemgeschehens durch sorgfältig eingeführte Dehnlagerungen (passiv und aktiv), sie sensibilisiert die Wahrnehmung und regt zum situationsgemässen Handeln und Üben an. Dabei werden Bewegung, Berührung unterstützend einbezogen. Körperspannungen regulieren sich, vernachlässigte Körperräume werden belebt, Lebendigkeit und Atemkraft geben Energie und Defizite werden positiv beeinflusst. Die Atemtherapie ist eine Methode, die darum weiss, wie wichtig es ist, dass sich der Mensch spürt und sich von der Atembewegung erfassen lässt.

Er bekommt seine Regungen und Bedürfnisse mit, er kann körperliche Reaktionen einschätzen, mit ihnen lernen umzugehen – sie werden ihm bewusst. Dieser achtsame und bewusste Mensch muss sich nicht verführen lassen, sei es von Konsumoder Ablenkungsmöglichkeiten.

Er hat Werkzeuge, um sich immer wieder in die Balance zu bringen, die ihm selbstständiges und eigenverantwortliches Leben ermöglicht; er ist weder krankhaft süchtig auf irgendetwas, noch muss er sich übermässig abgrenzen oder gar asketisch leben. Der Reifeprozess, den er mit sich durchmacht, ermöglicht es ihm, Vertrauen zu sich und anderen zu finden; er findet zu seiner Mitte (zu seinem Standpunkt) zurück und er hält Veränderungen aus. Ein geübter, wachsamer Mensch wird seine Füsse spüren und damit, den ganz konkreten Standpunkt erfahren, die Elastizität der Beine wahrnehmen und die Kraft im Kreuzbein einzuschätzen wissen – und er wird über seine Körpermitte, dem Bauch, Zwerch und Brustfell, die Atembewegung spüren. Aus dieser Selbstständigkeit heraus kann er neue Aufgaben in Angriff nehmen. PD